Stadt Bayreuth

IM FOKUS

30.07.2008

Ausstellung: Wer ist der Gral?

Bayreuther Festspiele, Richard-Wagner-Museum und Schloss- und Gartenverwaltung Bayreuth-Eremitage thematisieren Geschichte und Wirkung eines Mythos

Der Gral steht im Mittelpunkt einer Ausstellung von Festspielhaus und Richard-Wagner-Museum im Markgräflichen OpernhausNach dem großen Erfolg der Ring-Ausstellung im Sommer 2006 präsentieren das Richard-Wagner-Museum, die Bayreuther Festspiele und die Schloss- und Gartenverwaltung Bayreuth-Eremitage in der Festspielzeit 2008 erneut eine Ausstellung im Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth. Anlass ist die Neuinszenierung des Bühnenweihfestspiels Parsifal bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen. Im Gegensatz zu früheren Ausstellungsprojekten steht nicht primär die Entstehungs- oder Rezeptionsgeschichte eines Werkes Richard Wagners im Mittelpunkt, sondern die Stoff- und Motivgeschichte des Grals.

Der Gral ist nicht nur ein zentrales Symbol im Œuvre Richard Wagners (Parsifal und Lohengrin), sondern der europäischen und auch außereuropäischen Kulturgeschichte allgemein. Der Gral versinnbildlicht die immerwährende Suche nach der Identität des Ich und der Erlösung im Einswerden mit sich selbst und der Welt.

So soll ein Aspekt der Ausstellung der Motivgeschichte des Grals gewidmet sein. Dargestellt werden sollen beispielsweise die ausgesprochen spannenden und ambivalenten Motivstränge, deren Eckpunkte mit Wagners Hauptquelle Wolfram von Eschenbach einerseits und Chrétien de Troyes andererseits umschrieben werden können. Während Wolfram den Gral als wundertätigen Stein beschrieb und damit die katharisch-häretisch-gnostische Stoffgeschichte repräsentiert, ist der Gral bei Chrétien der Kelch des letzten Abendmahls, in welchen Joseph von Arimatheia das Blut aus der Seitenwunde des gekreuzigten Heilands auffing. Damit repräsentiert Chrétien den christlichen Zweig der Motivgeschichte. Auch der Komplex der Arthus-Thematik schließt an den Grals-Mythos an. Der Gral erscheint so zugleich als Attribut des Guten wie auch des Dämonischen und repräsentiert die ganze Bandbreite menschlicher Identität. Ziel ist es, den Grals-Mythos als zentralen abendländischen Stoff- und Mythenkomplex mit Verweisen auf Alchemie, Freimaurerei, Rosenkreuzertum und andere esoterische Geheimlehren darzustellen.

Mit Richard Wagner erhielt diese Stoffgeschichte dann im 19. Jahrhundert einen wirkungsmächtigen Auftrieb. Die Rezeption seiner Werke bewirkte eine »Grals-Konjunktur«, die sich nicht zuletzt im Stil des bayerischen Hofes unter König Ludwig II. zeigt. Aber auch die kultische Überhöhung seines Werks selbst, die Identifikation des Bayreuther Festspielhauses mit dem Gralstempel, des Grünen Hügels mit Monsalvat, Bayreuths mit dem Gralsgebiet und der Festspielbesucher mit der Gralsritterschaft wären hier zu zeigen. Die Parsifal-Aufführungsgeschichte bei den Bayreuther Festspielen illustriert dabei repräsentativ die einschlägige Ikonographie des Mythos.

Vermittelt über Wagner diffundiert das Motiv schließlich auch in die neuzeitliche Esoterik des »New Age«, die Fantasy-Welle und vor allem auch den Film. Und nicht zuletzt auch der Bedeutung und der Funktion des Grals-Mythos in den Ideologemen des Nationalsozialismus hat ein Aspekt zu gelten (Wewelsburg, SS als „Gralsritterschaft“, Symbol der „Reinheit“ und dem Bluts-Mythos, Katharer-Foschung Otto Rahns, NS-Esoterik eines Guido v. List, Lanz v. Liebenfels, Weisthor).

Der ambivalente Rezeptionshorizont des Grals-Mythos erscheint für ein Ausstellungsprojekt als besonderer Reiz, lässt sich dieser doch vorzüglich illustrieren und darstellen.

Die Aktualität des Mythos zeigt sich nicht zuletzt auch im Film. Zu denken wäre hier zunächst an Filme wie Excalibur, König der Fischer, Indiana Jones und der letzte Kreuzzug oder auch Monty Pythons Ritter der Kokosnuss, aber auch die eher mittelbar die Themen der Erlösung und des „reinen Toren“ thematisierenden Filme wie Matrix oder The green mile. Zu berücksichtigen wäre hier auch die aktuelle Belletristik zum Thema (z.B. Die Nebel von Avalon usw., Der da Vinci-Code). Aber auch in die »Alltagskultur« hat das Gralsmotiv Eingang gefunden, denkt man beispielsweise nur an Pokale und Schalen, mit denen Sieger im Sport ausgezeichnet werden, oder auch diverse PC-Games.

Über diese Kulturgeschichte des Grals-Motivs gelangt die Ausstellung schließlich zur Frage nach der Bedeutung des Motivs in Geschichte und Gegenwart. Was bedeutete und bedeutet der Begriff der „Erlösung“? – Wonach suchen wir heute? – Wer ist der Gral für uns? – Was bedeuten in diesem Zusammenhang Begriffe wie „Gemeinschaft“, „Gesellschaft“ und „Ich“? – Worin besteht unsere kollektive und individuelle Identität?

Begleitend zur Ausstellung erscheint im Deutschen Kunstverlag eine Broschüre mit 80 Seiten und zahlreichen meist farblichen Abbildungen zum Preis von 24,90 €. Gefördert wurde das Projekt mit Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Die Ausstellung ist vom 20. Juli bis 31. August täglich von 9 bis 18 Uhr im Markgräflichen Opernhaus zu sehen.