Stadt Bayreuth

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30.06.2006

Mein lieber Schwan

Haus Wahnfried zeigt ab 14. Juli Arbeiten von Henning von Gierke

BAYREUTH – „Mein lieber Schwan – Wege und Motive zu Wagner“ lautet der Titel einer Ausstellung mit Arbeiten von Henning von Gierke, die das Richard-Wagner-Museum Bayreuth ab Freitag, 14. Juli, in Haus Wahnfried zeigt. Die Ausstellung ist bis Ende November zu sehen.

Das eigentliche, innere Wesen der Menschen und Dinge ist für das Auge unsichtbar und bleibt dem Betrachter verborgen. Dieses Unsichtbare kann jedoch in der Kunst sichtbar werden und zur sinnlichen Wahrnehmung gelangen. In den Musikdramen Richard Wagners geht es gleichfalls immer wieder um dieses Erkennen der eigentlichen Identität, die sich hinter den Erscheinungen enthüllt. Im ästhetischen Erleben seiner Kunst werden wir Teil dieser Erkenntnis, in den Bildern seiner Dramen erkennen wir uns selbst.

Auch im Werk des Malers Henning von Gierke geht es immer wieder um diesen besonderen Augen-Blick, die Magie einer vermeintlich alltäglichen Erscheinung oder Landschaft, die Poesie des besonderen Moments. So verwundert die tiefe und lebenslange Affinität des Malers zum Werk Richard Wagners nicht. 1947 in Karlsruhe geboren, präsentiert Henning von Gierke seine Bilder seit 1968 der Öffentlichkeit. Ausstellungen fanden in Deutschland, in Frankreich, der Schweiz, Spanien und den USA statt. Vor seiner Hinwendung zur Oper begann er zunächst als Bühnenbildner für das Schauspiel, dann als Filmausstatter, dabei im Mittelpunkt ohne Frage die Zusammenarbeit mit Werner Herzog. 1975 erhielt er für Kaspar Hauser den Bundesfilmpreis in Gold. Es folgten bis 1981 die Ausstattungen für Herz aus Glas, Strozek, Woyzek, Nosferatu (Silberner Bär auf der Berlinale 1978) und Fitzcarraldo.

Gierkes Musiktheaterarbeit begann 1984 mit dem Bühnenbild und den Kostümen zu Doktor Faust von Busoni am Teatro Comunale in Bologna. Bereits  1987 folgte dann der vielbeachtete und vom Publikum geliebte poetische Realismus seines Bayreuther Lohengrin. 1988 gestaltete er die Kostüme zu Liebermanns Cosmopolitan Greetings an der Staatsoper/Hamburg in Zusammenarbeit mit Robert Wilson und erarbeitete 1989 neben dem Bühnenbild und den Kostümen in Zusammenarbeit mit Werner Herzog erstmals auch eine Inszenierung, und zwar zu Verdis Giovanna d’Arco am Teatro Comunale in Bologna.

1990 folgten Bühnenbild und Inszenierung zu Wagners Fliegendem Holländer am Bayerischen Nationaltheater in München. 1992 schuf er das Bühnenbild für die Sommernachtstraum-Inszenierung von Shakespeare am Teatro J. Cajetano, Rio de Janeiro, der brasilianische Beitrag zur ECO92. 1994 erhielt Gierke eine Gastprofessur an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und leitete in diesem Zusammenhang bei den Mainzer Kammerspielen die deutsche Erstaufführung des Stückes Freshwater von Virginia Woolf. Im selben Jahr erarbeitete er auch das Bühnenbild und Konzept zu Webers Freischütz, der in Zusammenarbeit mit Isao Takachima in Tokio, Nagoya und Kobe realisiert wurde. Japan blieb für Henning von Gierke immer wieder ein spannendes und inspirierendes Ziel: in Tokio folgten noch die visuelle Konzeption, Bühne und Kostüme für Jeanne d’Arc au bûcher von Arthur Honegger, wiederum zusammen mit Isao Takashima, sowie das Bühnenbild und die Kostüme für Mozarts Zauberflöte am New National Theatre Tokio. 2001 bis 2003 realisierte von Gierke in Tokio dann Wagners Ring des Nibelungen, 2002 auch noch Parsifal. Derzeit lehrt er am theaterwissenschaftlichen Institut an der Universität Wien.

Die Ausstellung zeigt in vier inszenierten Erlebnisräumen die intensive Auseinandersetzung des Malers mit Wagners Werken und schildert in Zeichnungen, Skizzen, Konzepten, Modellen und Filmdokumenten den Weg von der Idee zur Realisierung einer szenischen Vision auf der Bühne. Wie bei einem Atelierbesuch erhält der Besucher so einen Einblick in die Gedanken- und Schaffenswelt des Künstlers.

Im ersten Ausstellungsraum begegnet der Betrachter den Bildwelten des Malers und damit der künstlerischen Sphäre, aus der heraus er dem Werk Wagners begegnet. Der zweite Raum mutet wie eine archäologische Ausgrabungsstätte an, bei der die Motive aus Wagners Werk-Kosmos vom Künstler aus der Tiefe ihres historischen und literaturgeschichtlichen Ursprungs ergründend ans Tageslicht der ästhetischen Wahrnehmung gehoben werden.

Im dritten Raum entsteht dann aus der Begegnung der Motive Wagners mit der inneren Bilderwelt des Künstlers der konzeptionelle Beginn einer Inszenierung, der sich im Verlauf von Wegen und Irrwegen, Einsichten und Irrtümern durch Assoziation und Reflexion schließlich strukturiert und organisiert. Danach wird das Konzept aus der Hand seines Urhebers in die Verantwortung jener Vielzahl von Menschen gegeben, durch deren gemeinsame Arbeit das eigentliche Theaterkunstwerk entsteht. Es bleibt im Museum als Ansammlung all der Namen zurück, die an seiner Verwirklichung beteiligt waren.

In einem vierten Raum schließlich erscheinen die Dokumente der kreativen Arbeit als Museumsexponate. Entwürfe und Skizzen sowie schließlich das bewegte Abbild der Inszenierung im Filmdokument beschließen den Weg als Zeugnisse des Gewesenen. Hierzu gehören auch etwa 60 Bühnenbildentwürfe, Figurinen und Requisitenzeichnungen zur Bayreuther Lohengrin-Produktion von 1987, die 1990 vom Sammler und Mäzen Dr. Karl G. Schmidt für die SchmidtBank erworben und 2005 vom Resba-Geschäftsführer Dr. Paul Wieandt dem Richard-Wagner-Museum als Schenkung übergeben wurden.