Stadt Bayreuth

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Bierige Anekdoten und Zitate

1878 – Richard und seine „Diätfehler“

Da saßen sie am Sophienberg und genossen die Aussicht auf Bayreuth und das dahinter liegende Fichtelgebirge. Dazu haben sie sich ein Fässchen Bier angezapft, das ihnen eine Bäuerin für zwei Mark hinaufgeschafft hat. „Nicht zehn Pferde bringen mich hier fort“ zitiert Cosima ihren Mann in ihrem Tagebuch.
Richard Wagner hat gerne einmal einen über den Durst getrunken. Einen „Diätfehler“ nannte er das. Ein Begriff, so schön, dass er eigentlich wieder in unseren Sprachgebrauch aufgenommen werden sollte. Den hatte er auch am 9. Juli 1978, einen Tag nach dem Ausflug zum Sophienberg. „Ich habe zu viel Bier getrunken“, sagte er. „Ich werde dann zänkisch und übelnehmerisch, wie Schumann“. Und den konnte Wagner bekanntlich gar nicht leiden.
Mehrmals in der Woche machte er sich auf den Weg in sein Stammlokal Angermann.  Am Nachmittag nahm er dann auch öfters sein Söhnchen Siegfried mit, der dort schon mit fünf Jahren sein Weihenstephaner Bier bekam. Was uns heute als unglaublich erscheint, war zu dieser Zeit völlig normal. Im ländlichen Raum rund um Bayreuth war es in den 1950er Jahren vielleicht nicht mehr üblich, aber dennoch weit verbreitet, dass die Kinder vor dem Einschlafen noch ihren Schluck Bier bekamen.
So auch der kleine Siegfried, der seinen Vater schon als Kind in die Stammkneipe Angermann begleitete. Dass „Fidi“ schon früh ins Bierglas schauen durfte, entnehmen Tagebucheinträgen von Cosima Wagner. Als Richard am 24. Oktober 1874 mit dem fünfjährigen Siegfried nach Hause kommt erzählt er, dass ihn „Fidi“ von einem Gast gefragt wurde, ob er schon Bier trinken darf und der ganz selbstverständlich mit „Ja“ geantwortet hat. Anschließend schwärmt er „Gott, einen solchen Jungen bei mir zu haben, der mich Papa nennt und alles frägt; es ist zu schön“. Am 27. Juli 1879 kommen Vater und Sohn lachend ins Haus Wahnfried und erzählen, dass Fidi vom Angermann ein Stammglas mit Zinndeckel geschenkt bekam. Mit einer Gravur: „Herr Siegfried Wagner!“

Aus den Tagebüchern von Cosima Wagner

Aus Sachsen kommt Richard Wagner – und der scheint das Bayreuther Bier beileibe nicht so gut vertragen zu haben wie der Biertrinker Jean Paul. Seine Frau Cosima beschreibt das in ihren Tagebüchern immer mit einem „Diätfehler“

23.09.1882 – Tagebuch Cosima Wagner

Richard verbringt den Abend still für sich, da er sehr angegriffen sich fühlt (er hat zwei Diätfehler, Bier und Champagner, in den letzten Tagen begangen).

21.06.1878 – Tagebuch Cosima Wagner

Richard hatte eine gar üble Nacht, böse Träume, Kongestionen, ein Diätfehler wohl die Ursache! Wenn er einen „Diätfehler“ hat, wird er reizbar, zänkisch und übelnehmerisch“

Dass er das Bier dennoch als „gesund“ einstufte, beweist, dass er seinen Sohn nicht nur einmal im Wirtshaus ein Bier gegeben hat.

24.10.1874 – Tagebuch Cosima Wagner – Da geht es um seinen fünfjährigen Sohn Siegfried

Sonnabend 24ten R. geht nachmittags mit Fidi aus, bei Angermann redet ein Fremder den Kleinen an: »Kannst du auch Bier trinken«, Fidi schweigt, sagt dann schüchtern »ja«.

und am 27.07.1879 – Tagebuch Cosima Wagner – da war „Fidi“ zehn Jahre alt.

R. arbeitet, ich muß mich legen, da die Müdigkeit es mir förmlich versagt, aufzubleiben. (das geht uns auch manchmal so !!!)
Abends komme ich aber hinunter.
R. ist mit Siegfried ins Wirtshaus gegangen und hat sehr gelacht, dort für Fidi ein Stammglas zu finden: Herr Siegfried Wagner!

Jean Paul und das Bier

Der Schriftsteller Jean Paul – eigentlich Johann Paul Friedrich Richter ist am 21. März 1763 in Wunsiedel geboren und starb am 14. November 1825 in der Bayreuther Friedrichstraße.
Nicht ohne Humor meinte Jean Paul einmal, dass ihn „Berge, Bücher und Bier“ im Jahr 1804 nach Bayreuth gezogen hätten. Der Schriftsteller hielt viel von gutem Essen und kühlen Bier. Ganz besonders bevorzugte er das „bittere, braune“ Bayreuther Bier. So ließ er sich sogar ab und zu von seinen beiden Bayreuther Freunden Emanuel Osmund und Christian Otto ein Fäßchen davon nach Meiningen oder Weimar schicken, als er noch dort lebte: „Sonderbar gesund bin ich, Dank dem Bayreuther Biere.“ An Emanuel schreibt er am 12. Februar 1802: „Sollte das Bier schon unterwegs sein – was Gott gebe – so bitt ich Sie herzlich, sogleich neues nach zu senden; weil der Transport vom Faß in mich viel schneller geht als von Bayreuth nach mir!“
Ob er bereits elf Jahre vor seinem Umzug nach Bayreuth an das Bayreuther Bier dachte, als er die viel zitierte Briefstelle aus dem Jahr 1793 schrieb: „Du liebes Bayreuth, auf einem so schön gearbeiteten, so grün angestrichenen Präsentierteller von Gegend einem dargeboten – man sollte sich einbohren in dich, um nimmer heraus zu können!“ Auf jeden Fall dachte er kurz nach seiner Verlobung daran: Auf der Rückseite der Verlobungsmitteilung „Der Legationsrath Jean Paul Friedrich Richter meldet seine Verlobung mit der zweiten Tochter Caroline des Herrn Geheimen Ober-Tribunal-Rath Mayer“, die er am 22. November 1800 von Berlin aus zu Emanuel schickte schrieb er seinen Freund: „Lieber Emanuel! Auf dieser Karte ist so viel Inhalt wie im längsten Brief. Das Schicksal gibt mir endlich alles, um was ich so lange herumirrte. Jetzt fehlet mir nichts wie eine Stadt, wozu ich mir die wohlfeilste, gebildeteste, beste in der Gegend und im Bier vorzuschlagen bitte. Leben Sie wohl!“ Welche Stadt wird der jüdische Kaufmann Emanuel Osmund aus der Bayreuther Friedrichstraße wohl vorgeschlagen haben?

Bier – Zitate von Jean Paul

„Je mehr man getrunken, desto mehr lobt man den Wirt und sein Bier.“

„Sonderbar gesund bin ich, Dank dem Bayreuther Biere.“

„Aber bin ich erst in Bayreuth – Himmel wie werde ich trinken!“

Das Eichala vom Manns Michel

Ein amerikanischer Offizier bringt den „geklauten“ Krug zurück.
„Wollen Sie mit Ihrer Kamera einmal mitkommen? Ich glaube, das könnte eine interessante Geschichte für Sie sein.“ Diesen Vorschlag des Oberbürgermeisters lässt man sich freilich nicht zweimal sagen und so folge ich Dr. Michael Hohl und Bürgermeister Bernd Mayer zu einer Sitzgruppe im zweiten Stock des Rathauses. Dort sitzen zwei Amerikaner und springen sofort auf, als der Oberbürgermeister und sein Stellvertreter erscheinen.
Auch in englischer Sprache begrüßt Hohl wortgewandt die beiden Gäste, die sich dann vorstellen: „Ich bin James Thayer und das ist mein Sohn John. Ich war als Brigadegeneral in der amerikanischen Truppe, die im April 1945 Bayreuth besetzt hat und will Ihnen nun etwas zurückbringen.“ Sichtlich gespannt beobachten Hohl und Mayer, wie der 85-jährige ehemalige Offizier einen Gegenstand in einem Stoffbeutel sucht. Mit den Worten „das habe ich damals geklaut“ zieht James Thayer ein Bayreuther Eichala aus der Tasche und übergibt es dem erstaunten Oberbürgermeister. Die Gravierung auf dem Zinndeckel des „Bayreuther Hausordens“ verrät sofort wer den Zinnkrug gehörte und warum er überreicht wurde.
Für seine „treue Mitgliedschaft im Handelsschutz- und Rabattsparverein e. V. – Bayreuth und Umgebung von 1906 bis 1931“ hat das „Gründungsmitglied“ Michael Mann das Eichala erhalten. „Der Manns Michel“ ruft der Lokalhistoriker Bernd Mayer aus. Den habe ich noch persönlich gekannt und nimmt die Frage des Amerikaners schon vorweg: „Der ist schon vor vielen Jahren gestorben. Er hatte sein Geschäft in der Nähe des Hauses Wahnfried in der Richard-Wagner-Straße“. Das Haus stand an der Ecke zur Cosima-Wagner-Straße. Auf der Baulücke steht der allseits bekannte Taubenschlag.
James Thayer bestätigt, dass er den Krug in der Nähe des „Richard-Wagner-House“ vor über 62 Jahren als „Souvenir“ mitgenommen hatte. Dann folgte der zweite Kennerblick von Bernd Mayer auf den Boden des Gefäßes. „Sturm“ stand darauf zu lesen. Einer von damals vier Herstellern des „Original Bayreuther Eichalas“ und der einzige, der dieser Tradition bis heute nachgeht.
Nachdem Thayer den Krug an sich genommen hatte, hörte er aus dem zerstörten Haus Wahnfried Klaviermusik. Sein bester Freund „Captain James Morrow“ saß im Saal des Hauses an einem Flügel und spielte vor seinen Kameraden, die sich feuchtfröhlich (wohl nicht nur) eine Flasche Wein genehmigten. Ein Foto eines amerikanischen GI an diesem Klavier (und mit einem Weinglas!) wurde weltberühmt und ist in fast jedem Bayreuther Stadtgeschichtsbuch zu finden. Ob es sich auf diesem Bild auch tatsächlich um den bereits verstorbenen James Morrow handelt, wird sich nach der Rückkehr von James und John Thayer in Beaverton/Oregon klären. Bis dahin hat John Thayer längst das besagte Foto per E-Mail erreicht. „Sie können das Foto auch schon jetzt meinem Bruder Tommy unter www.tommythayer.com schicken“, schmunzelt mir John Thayer zu. „Vielleicht kennen Sie ihn. Er ist Lead-Gitarrist in der Rockgruppe KISS“ und antwortet auf meine Frage nach jener Rockgruppe, in der die Bandmitglieder so Furcht erregend geschminkt sind, mit einem breit grinsenden „Ja“.
Während der Oberbürgermeister seinem Mitarbeiter Rainer Sack eine kurze Anweisung zuflüstert, erzählt Thayer von seinem Besuch. Zusammen mit seinem Sohn bereist er in diesen Tagen die Strecke, die er damals als Offizier mit seiner Truppe nach der Landung in der Normandie durch Frankreich über Ludwigshafen und Fulda bis nach Bayreuth und anschließend über Tschechien bis nach Wien unter weniger schönen Voraussetzungen bestreiten musste.
Thayer berichtete von einem „Fire-Fight“ in „the North-West of Bayreuth“ und erfuhr von Mayer, dass dies am 14. April 1945 bei Wendelhöfen war. Während die 11. US-Panzerdivision dort lagerte, fuhren Freiwillige des 41. Kavallerieaufklärungsbataillon mit einem Jeep und einer weißen Fahne in das nach drei schweren Bombenangriffen zerstörte Bayreuth, um nach aufgabewilligen Nationalsozialisten zu suchen. Sie trafen Bürgermeister Dr. Fritz Kempfler, der seine wehrlose Stadt ohne weitere Verluste übergeben wollte. Kempfler sah sich damals mit dem berühmten Ausspruch „Entweder Übergabe oder we make Bayreuth flat…“ konfrontiert. Vorher musste er jedoch in St. Johannis den deutschen General Hagl, der die Stadt („Befehl ist Befehl“) immer noch verteidigen wollte, zur Kapitulation überreden.

alle Texte von Stephan Müller