Stadt Bayreuth

Bayreuth vor 30 Jahren: "Ansturm wie sonst nur zum Bürgerfest". Eine Online-Ausstellung zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit

 

Am 3. Oktober vor genau 30 Jahren trat die Deutsche Demokratische Republik (DDR) dem Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland bei. Deshalb wird an diesem Tag jedes Jahr der Nationalfeiertag der Bundesrepublik Deutschland, der Tag der Deutschen Einheit gefeiert.

Der gesellschaftspolitische Wandel in der DDR, der dieser Einheit vorausging, war im Westen vor allem an der Grenze sichtbar. Ausreisewellen, Massenproteste und dramatische Fluchtversuche prägten das Bild der Wende in der Bundesrepublik.

Mit der Grenzöffnung („Mauerfall“) in der Nacht vom 09. auf den 10. November 1989 war den Bürgern der DDR die freie Ausreise in die Bundesrepublik möglich. Viele DDR-Bürger nutzten diese Gelegenheit. Auch Bayreuth war durch seine Nähe zur innerdeutschen Grenze ein beliebtes Ziel. Allein am ersten Wochenende nach der Grenzöffnung, dem 11. und 12. November 1989, besuchten bis zu 25.000 DDR-Bürger die Stadt Bayreuth. Der Nordbayerische Kurier titelte damals „Ansturm wie sonst nur zum Bürgerfest“.

Diese Ausstellung soll mit Bildern und Dokumenten aus der Zeit der Mauerfall-Euphorie zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit die Wirkung der Grenzöffnung in Bayreuth zeigen.
 

 

Kurz vor dem Mauerfall

 

Am 30. September 1989 betritt der DDR-Außenminister Hans-Dietrich Genscher, den Balkon der westdeutschen Botschaft in Prag und verkündet: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ – der Rest des Satzes wird vom Jubel der Menschen übertönt, die seit Wochen und Monaten auf dem Gelände der Botschaft ausharren. Tausenden DDR-Geflüchteten wird damit die Ausreise in die Bundesrepublik gestattet.

Die Züge, mit denen die sogenannten „Übersiedler“ in den Westen gebracht werden sollten, wurden über Sachsen nach Oberfranken geleitet. Der erste Halt nach der Grenze war Hof. Ein Teil der Geflüchteten fuhr anschließend nach Bayreuth weiter. Am 1. Oktober kamen über 400 ehemalige DDR-Bürger am Bahnhof in Bayreuth an.

 

Die Grenze ist offen!

 

Fernmeldeschreiben November 1989 (Zum Lesen anklicken; Stadt Bayreuth)

Die Grenzöffnung stellte vor allem die Behörden im Grenzgebiet vor eine große Herausforderung. Sie mussten schnell reagieren, um zum Beispiel die Organisation von Hilfsmaßnahmen zu gewährleisten und Anlaufstellen für DDR-Bürger zu schaffen.

Dieses dringliche Fernschreiben ging am Abend des 10. November an die Polizeidirektion Bayreuth und dann um 19:55Uhr weiter an die Stadt Bayreuth. Es kam um 20:15 Uhr zum Oberbürgermeister und um 21:35 Uhr zum zuständigen Leiter des Sozialamtes.

(Der Fernschreiber ist ein Vorgänger des heutigen Faxgeräts. Die Art der Datenübertragung erlaubte nur eine bestimmte Menge verschiedener Zeichen, sodass weder Großbuchstaben noch Umlaute in dem Schreiben vorkommen.)

 

Ein bewegendes Wochenende

 

(Zum Lesen bitte anklicken)
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Zeitungsartikel aus dem Nordbayerischen Kurier vom 13. und 14. November 1989

Das erste Wochenende nach der Grenzöffnung war für viele Bayreuther der Moment, an dem der Mauerfall plötzlich präsent wurde. Dieses Wochenende „das in die Bayreuther Stadtgeschichte eingehen“ sollte, lieferte „Bilder, wie Bayreuth sie noch nicht erlebt hat“ (Artikel vom 14. Nov.) und beschäftigte die Zeitungen noch in den Tagen danach. Dass es in Bayreuth an passenden Vergleichen für dieses historisch bedeutende Ereignis fehlte zeigt die charmante Überschrift „Ansturm wie sonst nur zum Bürgerfest“ (Artikel vom 13. Nov.)

 

Trabi-Flut

 

Die meisten DDR-Besucher kamen mit ihrem Pkw nach Bayreuth. An den ersten Wochenenden nach der Grenzöffnung sah man deshalb Tausende von Autos der Marke Trabant (kurz: „Trabi“) in Bayreuth.

Verstopfte Innenstadtstraßen, überfüllte Parkplätze und wildes Parken auf Gehsteigen sorgten für ein Verkehrschaos, das von den Bayreuther mit Erstaunen und Gelassenheit registriert wurde.

Info-Blatt, November 1989 (Zum Lesen anklicken, Stadtarchiv Bayreuth / StadtABT VKA-DDR)

Informationsblatt der Stadt Bayreuth und der Polizei

Mit Hinweistafeln, Stadtplänen und Flyern versuchte die Verkehrspolizei im November und Dezember 1989 die Pkws der DDR-Gäste auf Großparkplätze umzuleiten.

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Artikel aus dem Nordbayerischen Kurier vom 17.11.1989

Der Kurier berichtete über die Maßnahmen zur Entlastung der Innenstadt.

Zum Schmunzeln: Der Hinweis „Vorsicht, Trabi!“ zum Umgang mit Trabis auf der Autobahn.

(Zum Lesen anklicken)

Artikel aus dem Nordbayerischen Kurier vom 29.12.1989

Da die Trabis über keinerlei Technik zur Abgasreduzierung verfügten, sorgten die vielen Fahrzeuge außerdem für eine erhebliche Luftverschmutzung.

Bereits im Dezember 1989 hatte deswegen die Regierung von Oberfranken Gespräche mit den Bezirken Suhl, Gera und Chemnitz (das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß) aufgenommen.

 

Begrüßungsgeld

 

1989 erhielt jeder DDR-Bürger beim ersten Besuch in Bayreuth von der Bundesrepublik 100 DM, beim zweiten vom Land Bayern noch einmal 40 DM.

Die Grenzöffnung stellte die auszahlenden Stellen über Nacht vor bis dahin ungeahnten organisatorische Probleme. Vor der Post und dem städtischen Sozialamt bildeten sich lange Schlangen. Die Mitarbeiter etlicher städtischer Dienststellen arbeiteten im Schichtdienst bei der Auszahlung, dazu kamen noch Freiwillige von anderen städtischen Dienststellen. Manche Beteiligten kamen so auf über 70 Wochenstunden Arbeitszeit.

 

Konsum im Westen

 

Die meisten Besucher gaben einen großen Teil ihres Begrüßungsgeldes direkt im Westen aus, vornehmlich für Elektrogeräte und importierte Lebensmittel, wie Obst, Schokolade oder Kaffee.

Lange Schlangen bildeten sich vor dem ABC-Schuhgeschäft, dem Aldi in der Maximilianstraße (beide Läden gibt es inzwischen nicht mehr) und dem Photo Porst, aber auch vor kleinen Lebensmittelgeschäften wie z.B. in der Bahnhofstraße.

 

Wucherpreise!

 

"DDR-Rabatt" November 1989 (Foto: Bernd-Mayer-Stiftung)

Von den Besuchermengen profitierte der Einzelhandel mit gewaltigen Umsatzsteigerungen. Für Empörung vor allem bei den Bayreuthern sorgten zwei Geschäftsinhaber, die den Andrang nutzten und für ihr Obst plötzlich Wucherpreise verlangten.

Auch großspurig angekündigte „DDR-Rabatte“ erwiesen sich vielfach als bloße Werbesprüche

Kolumne aus dem Nordbayerischen Kurier, Nov. 1989 (Zum Lesen anklicken)

 

Hilfsangebote

 

Wie überall in Deutschland spürte man auch in Bayreuth die Euphorie über die Grenzöffnung. Die Bayreuther zeichneten sich in diesen Tagen überwiegend durch große Hilfsbereitschaft aus.

Vor allem die Kirchen, aber auch andere Gruppierungen stellten heiße Getränke und Räume zum Aufwärmen zur Verfügung und verteilten Stadtpläne und Informationsschriften.

Tankstellen boten Treibstoffgemische für die Zweitakt-Motoren der Trabis an, dazu eine Tüte mit Süßigkeiten. Die Stadt, die Polizei und der Nordbayerische Kurier gaben Tipps und Hinweise.

Nordbayerischer Kurier 15.12.1989 (Zum Lesen anklicken)
Nordbayerischer Kurier 27./28.01.1990 (Zum Lesen anklicken)

Leserstimmen von Besuchern und Besuchten

Von Hilfsbereitschaft, Dankbarkeit und Neugier lässt sich in diesen Zeilen lesen.

 

Eine deutsch-deutsche Städtepartnerschaft

 

Der damalige Oberbürgermeister von Bayreuth, Dr. Dieter Mronz (links im Bild) und der Oberbürgermeister von Rudolstadt, Bernd Nordhaus (rechts), mit ihren Ehefrauen, bei einem Treffen im ehemaligen Hotel Königshof am Bahnhofsplatz in Bayreuth. (Foto: Bernd-Mayer-Stiftung)

Seit Ende der 1980er Jahre bildeten sich als politisches Mittel zur Verbesserung der deutsch-deutschen Beziehungen immer mehr Städtepartnerschaften zwischen Kommunen der DDR und der BRD heraus. Nach dem Mauerfall wuchs diese Zahl rasch an. Auch Bayreuth ging eine solche Verbindung ein und zwar mit Rudolstadt im südlichen Thüringen.

Im Juli 1989 hatte das DDR-Politbüro-Mitglied Hermann Axen überraschend diese Städtepartnerschaft vorgeschlagen. Endgültig geschlossen wurde sie im April 1990.
 
 

Weisung des Oberbürgermeisters zur Behandlung der DDR-Gäste aus Rudolstadt (Zum Lesen anklicken; Stadt Bayreuth)
Zeitungsartikel aus dem Nordbayerischen Kurier vom 12.07.1989 (handschriftliche Notiz falsch; Zum Lesen anklicken)
Zeitungsartikel aus dem Nordbayerischen Kurier vom 18.12.1989 (Zum Lesen anklicken)

 

Die Deutsche Einheit

 

Am Mittwoch, den 03. Oktober 1990 feierte man mit einem Staatsakt in Berlin die Wiedervereinigung.

Auch in Bayreuth wurde dieser Tag – wenn auch etwas bescheidener – mit einem Festakt gefeiert. Nach einem ökumenischen Gottesdienst wurden um 11:30Uhr auf dem Luitpoldplatz drei Linden gepflanzt. Auf dem Foto sieht man die im Februar 2020 verstorbene Stadträtin und CSU-Landtagsabgeordnete Anneliese Fischer an der Schaufel.

(Oft wurden als „Einheitsbäume“ eine Kiefer (DDR), eine Buche (BRD) und eine Eiche (vereintes Deutschland) gepflanzt, deren Kronen symbolisch zusammenwachsen sollten. In Bayreuth hat man sich für Linden entschieden, die traditionell als Symbol für Friede und Freiheit gelten.)

 

 Erinnerungen

 

Die Wiedervereinigung ist das historisch bedeutendste Ereignis der deutschen Geschichte seit der Gründung der Bundesrepublik. Unser großes Glück ist, dass die Zeitzeugen dieses Ereignisses heute noch leben und davon berichten können. Diese Chance wollen wir nicht ungenutzt lassen. Daher bitten wir Sie uns Ihre Erinnerungen zu erzählen. Wo waren Sie, als die Mauer fiel? Welche Geschichten und Begegnungen verbinden Sie mit der Wiedervereinigung? Haben Sie ein Erinnerungsstück aus dieser Zeit? Filmen, Fotografieren oder Schreiben Sie uns, was Sie in dieser Zeit bewegt hat, an:

 
 

IMPRESSUM

Diese Online-Ausstellung basiert auf einer Sonderausstellung des Historischen Museums zur „Langen Nacht der Museen“ im Jahr 2009 mit dem Titel „Das Wochenende vor 20 Jahren: Bayreuth im November 1989“. Ergänzt und überarbeitet im Jahr 2020.

Für die freundliche Genehmigung zur Präsentation der Zeitungsartikel danken wir dem Nordbayerischen Kurier. Für die Fotografien danken wir der Bernd-Mayer-Stiftung und den Fotografen Bernd Mayer, Hans Wolf und Horst Schröder.

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