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Im Rahmen unserer Online-Ausstellung

„Bayreuth vor 30 Jahren: Ansturm wie sonst nur zum Bürgerfest“
(03.10.2020 bis 10.01.2021)

zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit, haben wir an dieser Stelle persönliche Erinnerungen an die Einheit gesammelt.

Schlangen nicht nur bei Karstadt

Helmut Hofmann OKR, ehemaliger Pfarrer und Dekan der Stadtkirche erinnert sich an die Besucher aus der DDR, kurz nach der Grenzöffnung.

Die Jeansjacke

Einige Wochen nach der Grenzöffnung war ich zusammen mit meiner Mutter in der Innenstadt zum Einkaufen unterwegs. Wir waren beide mit Jeans und Jeansjacke bekleidet und kamen vollbepackt mit großen Tüten voller Weihnachtsgeschenke aus dem Kaufhaus Hertie (jetzt Karstadt), als uns zwei Frauen entgegenkamen. Offenbar hielten sie uns wegen der Jeansjacken und den vollen Tüten für Ostdeutsche, die gerade ihr Begrüßungsgeld ausgegeben hatten und machten diesbezüglich einige Bemerkungen. Meine Mutter war zutiefst empört – Sie sei doch eindeutig eine Westdeutsche!!!

Die Jeansjacke trug sie seitdem nie wieder.

(Anonym)

Die Weihnachtspyramide

Im November 1989 kam eine Familie, vermutlich aus dem Erzgebirge, mit einem ca. 10jährigen Jungen in unser Geschäft in der Maximilianstraße. Das Kind stand vor einer Stereoanlage und sagte mit leuchtenden Augen: „Sowas Schönes hab‘ ich noch nie gesehen!“ Da die Eltern ein paar Westmark zu wenig hatten um die Anlage zu kaufen und mir der Junge so leidtat, legte ich das fehlende Geld selbst drauf. Voller Stolz schleppte das Kind die Stereoanlage aus dem Laden.

Einige Zeit später kam der Vater zurück ins Geschäft und übereichte mir einen Karton. Darin befand sich diese wunderschöne, handgefertigte Weihnachtspyramide. Jedes Jahr zu Weihnachten freue ich mich daran und denke an den kleinen Jungen zurück – und was wohl aus ihm und der Stereoanlage geworden ist.

(Heike B.)

Ein Lied zur Deutschen Einheit

Interview mit Georg Engl

 

Als Georg Engl im Mai 1990 von einer Fortbildung, die er für die Handwerkskammer Bayreuth in Chemnitz gehalten hatte, zurück nach Hause fuhr, fing er an die ersten Zeilen dieses Liedes zu dichten. Zu Hause angekommen brachte er sie dann zu Papier und schrieb eine Melodie dazu. Die Geschichte erzählte er uns in einem Interview am 21. Oktober 2020. Die Melodie spielte er uns, wie auf der Aufnahme zu hören, auf dem Akkordeon vor.

2. Strophe

Wir lernen uns jetzt wieder kennen,
in Arbeit, Kultur und in Sport.
||: So vieles ist noch zu verbinden,
doch einig ist Sprache und Wort. :||

3. Strophe

Gemeinsam die Zukunft gestalten,
zu schaffen ein blühendes Land.
||: Den Frieden für ewig zu wahren,
dazu geben wir uns die Hand. :||

Mauerfall auf dem Land

Bei der Grenzöffnung war das Wetter nass und kalt. Für viele Menschen, die aus der DDR angereist kamen, war es sehr gut, dass die Kirchengemeinden, das Rote Kreuz und andere Verbände Aufenthalt in ihren Versammlungsräumen anboten. Es gab dort warme Getränke und WC. Nach mehreren Tagen waren die Hilfskräfte der Stadtkirche erschöpft. Da fragte das Dekanat bei den Landkirchengemeinden an, ob sie helfen könnten. So auch bei meinem Mann, der Pfarrer in Emtmannsberg, Neunkirchen und Stockau war.

In Oberölschnitz und Unterölschnitz waren damals junge Bauersfrauen, die fragte mein Mann, ob sie einige Nachmittage aushelfen könnten. Sie sagten ja. Ich bin ihnen heute noch dankbar, dass sie das gemacht haben. Was die Frauen da bei den Begegnungen mit diesen Leuten erlebt haben, hat sie so berührt, dass sie nicht nur Kaffee gekocht haben, sondern sie haben aus ihren eigenen Haushalten viele Sachen (z.B. Kleidung, Nahrungsmittel und Spielzeug) mitgenommen, die sie dann den Menschen geschenkt haben.

Da einige der Besucher die Rückfahrt nicht mehr am gleichen Tag antreten konnten, wollten sie in ihren Autos übernachten. Da haben die Hilfsorganisationen aufgerufen Übernachtungsmöglichkeiten in unseren Häusern anzubieten. Nicht wenige aus unseren Gemeinden haben das gemacht. Die Freude war auf beiden Seiten groß. Die Freundschaften, die da entstanden sind, haben noch lange nachgewirkt. Wir haben auch an mehreren Abenden Gäste gehabt. Es war natürlich auch stressig immer wieder Betten ab- und neu zu beziehen, aber die Gespräche, die wir beim Abendessen hatten, waren für uns alle bereichernd.

In meinen Erinnerungen ist ein großes Gefühl der Dankbarkeit geblieben. Wir konnten von unserem Wohlstand etwas abgeben und anderen helfen.

(Christa J.)

Gemeinsam singen

Auf diesem Foto aus dem März 1990 singen der Männergesangsverein Schaala (ein Ortsteil von Rudolstadt) und die Chorgemeinschaft der Gesangsabteilungen des Bayreuther FCs und des BSVs gemeinsam vor dem Rathaus Rudolstadt. Die Partnerschaft zwischen diesen Chören entstand kurz nach der Grenzöffnung. Ich erinnere mich gern an die gemeinsamen Konzerte und Feiern. Es hat sich schnell gezeigt: Die haben die gleichen Lieder wie wir, deshalb war es auch kein Problem zusammen zu singen. 1990 haben wir gemeinsam auch eine Sängerlinde in Schaala gepflanzt, die natürlich an der Wurzel mit Bier begossen wurde. Bier mochten die Rudolstädter übrigens genauso gern wie wir, nur für die fettigen Bratwürste konnte ich mich nicht so ganz erwärmen.

(Jürgen Raphael)

Drei Gottesdienste zur Wiedervereinigung

Helmut Hofmann OKR, ehemaliger Pfarrer und Dekan der Stadtkirche erinnert sich an drei Gottesdienste zur Wiedervereinigung am 2. und 3. Oktober 1990.

Schnappschüsse

Als nach dem Mauerfall die ersten DDR-Bürger nach Bayreuth kamen, war Wolfgang Ullmann mit seiner Kamera unterwegs und machte einige Schnappschüsse. Vor dem Neuen Rathaus hat damals ein Besucher aus Rudolstadt für die Bayreuther kostenlos Thüringer Bratwürste gebraten. Völkerverständigung geht wohl auch durch den Magen.

Kontakte im Handwerk

Georg Engl war als Betriebswirtschaftlicher Berater für die Handwerkskammer Oberfranken kurz nach der Grenzöffnung in der DDR tätig. Das Foto entstand im Mai 1990 in Gera, auf einem der Seminare, die Herr Engl für DDR-Handwerker gehalten hat. Seine Erinnerungen aus dieser Zeit schildert er hier:

Mit dem Mauerfall im November 1989 setzte eine Flut von Reisen der DDR-Bürger in die Bundesrepublik ein. Der Bevölkerungsschwerpunkt im Süden der DDR einerseits und die Reisesehnsucht nach Süden, hin zu den Alpen, andererseits führte dazu, dass Oberfranken mit am stärksten frequentiert wurde.

Was die Behörden anbelangt, so waren mit dem Begrüßungsgeld in erster Linie die Kommunalbehörden gefordert. Aus dem Bereich der Wirtschaft strebten auch sehr schnell die Spitzen der Handwerkskammern, der Kreishandwerkerschaften und die Inhaber privater Handwerksbetriebe Kontakte zum Oberfränkischen Handwerk an.

Die Handwerkskammer für Oberfranken unter der damaligen Leitung von Herrn Dr. Holzschuher und Herrn Eggers öffnete sich sofort für die Kontaktsuchenden. Die mitteldeutschen und die bayerischen Handwerkskammern trafen sich, um eine Strategie zur Stärkung des Handwerks in Ostdeutschland zu entwickeln. Man hat sofort erkannt, dass vieles, was im Osten im Argen lag, nur vom Handwerk bewältigt werden kann.

Die sehr unterschiedliche Dichte an Handwerksbetrieben (im Westen 125 Einwohner pro Betrieb, im Osten 320 Einwohner pro Betrieb) und dazu der allseits sehr große Bedarf an Handwerksleistungen führten zu dem Entschluss auf Soforthilfe. So wurden Tagesseminare mit volks- und betriebswirtschaftlichen Inhalten sowie zu Fragen der Unternehmensführung und der Existenzgründung angeboten.

Ich selbst habe ca. 30 solcher Seminare abgehalten: Nach einem kurzen Einblick in die Volks- und Marktwirtschaft behandelte ich den Seminarschwerpunkt Kalkulation. Da bei handwerklichen Leistungen die Zeit einen sehr großen Kostenfaktor darstellt, begann ich mit zeitwirtschaftlichen Eckwerten und erklärte dazu die Lohnkosten mit den Sozialabgaben der Unternehmer im Rahmen der Sozialpartnerschaft.

Im Weiteren wurden zahlreiche Sprechtage für Einzelberatungen anberaumt, die sehr rege in Anspruch genommen wurden. Der Großteil dieser Beratungen ging in die Richtung auf Selbständigkeit wobei völlige Neugründungen und Betriebsübernahmen am meisten vorkamen. Oft kam es auch vor, dass die Nebenbetriebe von Kombinaten, z. B. Die Schlosserei in großen Holzverarbeitungsbetrieb, in eigener Verantwortung übernommen wurden.

Festzustellen ist auch, dass die Fachleute der dortigen Kammern sehr schnell und sehr selbstbewusst die Aufgaben der Seminarveranstaltungen und Beratungen selbst wahrgenommen haben. In der zweiten Hälfte des Jahres 1990 waren nur noch vereinzelt Seminartage durch die Handwerkskammer Oberfranken durchgeführt.

Ein paar Begegnungen sind mir auf meinen Fahrten, vorbei an den großen Rapsfeldern, die man so um Mai/Juni sehen konnte, besonders in Erinnerung geblieben:

Vor einem Termin in Halle bat mich meine Frau, ein DDR-Brot mitzubringen. So betrat ich am späten Nachmittag in der Gräfestraße einen Bäckerladen mit der Bitte um zwei Brote. Die Verkäuferin sagte: „Ja, wir haben Brot, allerdings nur flach, da wir keine Hefe bekommen haben.“ Ich habe das Brot gekauft und es war gut zu essen.

Ebenfalls in Halle bin ich einmal schon am Vortag angereist. Als Unterkunft hatte ich ein Zimmer in einer Schulungsstätte am Stadtrand. Am Morgen ging ich zu meinem Auto und da winkte mir eine junge Frau mit einem Kind an der Hand zu und bat mich, sie in die Innenstadt mitzunehmen, da ihr Trabbi platt sei, das Kind einen Zahnarzttermin habe und wenn sie diesen nicht einhielte müsse sie wieder ein Viertel Jahr warten.

So im April 1990 hatte ich einen Termin in Ölsnitz und schon am nächsten Tag in Aue. Ich entschloss mich zu einer Übernachtung in Aue. Nun hatte ich aber in Ölsnitz nach dem Seminar einen Blumenstrauß überreicht bekommen. Beim Aussteigen in Aue war mir dieser Strauß, so schön er auch war, im Wege. Ich sprach eine Frau an, erklärte ihr die Situation und schenkte der überrascht wirkenden Dame den Blumenstrauß.