Stadt und deutsche Bühnen erinnern an verfolgte Ensemblemitglieder

Zwischen 2006 und 2012 war die Ausstellung „Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der Juden aus der Oper 1933 – 1945“ in sechs deutschen Städten zu sehen, wo sie die Prozesse von Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer und politisch missliebiger Opernkünstlerinnen und -künstlern sowie Angehöriger des technischen und Verwaltungspersonals nachzeichnete. 20 Jahre nach dem Auftakt des Projekts an der Hamburgischen Staatsoper werden alle Ergebnisse der Recherchen seit 2006 auf einer zentralen Plattform erstmals dauerhaft zugänglich gemacht.

Blick auf das Festspielhaus, im Vordergrund Ausstellungstafeln. | Foto: Stadt Bayreuth

Die Stadt Bayreuth übernahm die Trägerschaft des Projekts, das eine bislang einzigartige erinnerungskulturelle Kooperation einiger der wichtigsten deutschen Bühnen darstellt, namentlich der Hamburgischen Staatsoper, der Staatsoper Unter den Linden Berlin, der Staatsoper Stuttgart sowie der Semperoper und des Staatsschauspiels Dresden. Konzipiert und umgesetzt wurde es von der Hamburger Projektagentur kulturarbeiten GbR, gestaltet vom Hamburger Designstudio Hansen/2.

Entstanden ist eine digitale Plattform, die ebenso als Recherche- und Bildungsportal über die nationalsozialistischen Vertreibungen aus der Hochkultur fungiert, wie als dauerhaft und global zugänglicher digitaler Erinnerungsort.  Sie versammelt fast 300 Biografien von Künstlerinnen und Künstlern sowie Bühnenangehörigen, die zwischen 1933 und 1945 aus deutschen Opernhäusern verdrängt, verfolgt und vielfach ermordet wurden – weil sie Juden und Jüdinnen waren oder sich gegen die nationalsozialistischen Machthaber stellten.

Statement der Intendantinnen und Intendanten

Besonders eindringlich ist die Form der Vermittlung: Gegenwärtige Ensemblemitglieder der beteiligten Häuser, darunter die Intendantin der Semperoper, Nora Schmid, und der Intendant der Hamburgischen Staatsoper, Tobias Kratzer sowie der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, Christian Thielemann, sprechen die Biografien der Vertriebenen selbst ein.

In einer gemeinsamen Erklärung betonen die Intendantinnen und Intendanten der beteiligten Bühnen:

„Die von Hannes Heer, Peter Schmidt und Jürgen Kesting konzipierte Wanderausstellung ,Verstummte Stimmen‘ war in der Vergangenheit ein wichtiger Punkt für unsere Häuser. Sie machte deutlich, dass die Orte der Hochkultur in den Jahren vor und nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten keine unpolitischen Räume waren, in denen es ausschließlich ,der Kunst galt‘.  Auch hier, in unseren Häusern, an unseren Bühnen, wurden Ensemblemitglieder und Mitarbeiter*innen, Kolleginnen und Kollegen auf Grund von Herkunft und politischer Haltung ausgegrenzt, denunziert und der Verfolgung preisgegeben. Sie wurden entlassen, ins Exil oder in die Deportation und den Tod getrieben, Karrieren und Leben wurden zerstört.

Wir als Nachfolger*innen der damals Verantwortlichen bekennen uns dazu, dass die Erinnerung an das damals geschehene Unrecht heute und in der Zukunft wachgehalten wird. Das Gedenken auch an die negativen Aspekte der Vergangenheit unserer Häuser verstehen wir als zentrale Aufgabe als demokratische Institutionen. Wir sind froh und stolz, dass sich unsere Mitarbeiter*innen über alle Sparten und Gewerke hinweg durch ihre Mitwirkung am Digitalprojekt ‚Verstummte Stimmen‘ zu diesem Ziel bekennen und unseren ehemaligen Kolleg*innen ihre Stimmen leihen. Ihnen gilt unser Dank.“

( Joachim Klement, Tobias Kratzer, Nora Schmid, Viktor Schoner, Elisabeth Sobotka)

Pressekonferenz im Rathaus

Am 20. Juli 2026 um 12 Uhr präsentierten die Kuratoren des Projekts, Dr. Sven Fritz und Jens Geiger-Kiran, das Portal www.verstummte-stimmen.de erstmals im Rathaus Bayreuth im Rahmen einer Pressekonferenz, zu der die Stadt Bayreuth eingeladen hat.

Mehrere Personen stehen vor einer Projektionswand. | Foto: Stadt Bayreuth
Sie stellten das Ausstellungsprojekt "Verstummte Stimmen" im Rathaus vor (von links): Jens Geiger-Kiran (kulturarbeiten GbR/Projektleitung), Oberbürgermeister Dr. Andreas Zippel, Ina Besser-Eichler (Geschäftsführung Gesellschaft der Freunde von Bayreuth), Dr. Sven Fritz (kulturarbeiten GbR/Projektleitung), Daniel Hansen (Designstudio Hansen/2) und Wolfram Münch (Vorstand Sparkasse Bayreuth). | Foto: Stadt Bayreuth

Gedenkakt im Festspielpark

Am Tag der Eröffnung der 150. Bayreuther Festspiele wird am 26. Juli 2026, um 9.30 Uhr, aus Anlass der Präsentation der digitalen Plattform ein öffentlicher Gedenkakt in der Dauerinstallation der Bayreuther Station der „Verstummten Stimmen“ stattfinden. Der Jurist, Publizist und Philosoph Prof. Dr. Dr. Michel Friedman wird die Ausstellung besuchen und an einem Totengedenken teilnehmen. Ihn begleiten werden die Leiterin der Bayreuther Festspiele, Dr. Katharina Wagner, Bayreuths Oberbürgermeister Dr. Andreas Zippel und die Kuratoren der Ausstellung, Dr. Sven Fritz und Jens Geiger-Kiran.

Im Anschluss findet im Bayreuther Festspielhaus ein Gedenkkonzert unter dem Titel „Verstummte Stimmen“ als Kooperationsveranstaltung zwischen den Bayreuther Festspielen und dem Projekt „Verstummte Stimmen“ statt, zu dem Michel Friedman eine Gedenkrede beitragen wird.

Projekt in Trägerschaft der Stadt Bayreuth

„Verstummte Stimmen“ ist ein Projekt in Trägerschaft der Stadt Bayreuth in Kooperation mit Hamburger Staatsoper, Staatsoper Unter den Linden Berlin, Staatstheater Stuttgart, Semperoper und Staatsschauspiel Dresden. Realisiert mit freundlicher Unterstützung der Oberfrankenstiftung, Rainer-Markgraf-Stiftung, Friedrich-Baur-Stiftung, Alfred-Toepfer-Stiftung, Gesellschaft der Freunde von Bayreuth, Peter-Dornier-Stiftung, Sparkasse Bayreuth, Bayerische Sparkassenstiftung und e.on-Bayern-Kulturstiftung Bayreuth.