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Die Ärztefamilie Würzburger und das Sanatorium Herzoghöhe

Ein Zweig der Familie Würzburger kann schon fast als „Ärzte-Dynastie“ bezeichnet werden und hinterließ bis heute noch sichtbare Spuren in Gestalt des Sanatoriums bzw. Klinikums Herzoghöhe in der Kulmbacher Straße in Bayreuth. Simon Würzburger wurde am 17. Dezember 1816 als Sohn des Schnittwarenhändlers Jakob Würzburger geboren. Als erster in seiner Familie entschied er sich für ein Medizinstudium und lebte danach in Aschbach im heutigen Landkreis Bamberg. Erst als der praktische Arzt Dr. Walther in Bayreuth verstarb, übernahm Simon im März 1856 dessen Stelle und kehrte in seine Heimatstadt zurück.

Am 13. März 1861 bat Dr. Simon Würzburger den Bayreuther Stadtmagistrat um die Erlaubnis zur Aufnahme „einiger gemüthskranker Damen“ in seinem privaten Wohnhaus in der Dammallee. Die Stadtverwaltung hatte dagegen nichts einzuwenden, solange die Angehörigen sich freiwillig für die Behandlung der Patienten durch Dr. Würzburger entschieden. Eine Bedingung stellte ihm der Stadtmagistrat aber doch: „Ausdrücklich muss ihm jedoch die Verpflichtung auferlegt werden, keine aufgeregten Irren, d.h. solche, welche Tobsuchtsanfälle bekämen, laut schreien, viel Spektakel machen, viele Unruhe um sich her veranlassen in sein Haus aufzunehmen.“ Dr. Würzburger sollte es also nicht zu Ruhestörungen in der Nachbarschaft kommen lassen. Damit war der erste Schritt zum Sanatorium getan, wenn auch noch in sehr beschränkter Größenordnung. In den folgenden knapp zehn Jahren wurden im Wohnhaus Dr. Simon Würzburgers immer nur eine Handvoll Patienten gleichzeitig behandelt. Zunächst waren alle von ihnen Juden.

Zu Beginn der 1870er Jahre unternahm Dr. Simon Würzburger den nächsten Schritt und ließ für seine „Anstalt für gemüths- und nervenkranke Israeliten“ in der Erlanger Straße 19 einen eigenen Neubau errichten. Nun da er eine deutlich größere Einrichtung führte, wurde die Regierung von Oberfranken darauf aufmerksam und wies ihn im März 1872 an, um eine Genehmigung für den Betrieb einer solchen Privatirrenanstalt zu ersuchen. Ohne Probleme erhielt Simon schon kurz darauf die Bewilligung für seine Anstalt, gewisse Rahmenbedingungen galten aber dennoch. Dazu gehörte die Meldung aller Veränderungen in seiner Anstalt, d.h. aller Aufnahmen, Entlassungen und manchmal auch Tode seiner Patienten. Außerdem unterstand er der Aufsicht des Bezirksarztes und musste jährliche Berichte über alle Vorkommnisse in der Einrichtung verfassen.

Aus den Protokollen über Aufnahmen und Entlassungen erfahren wir viel über die Patienten der Würzburger-Anstalt. Die Einrichtung war gezielt auf jüdische Patienten ausgerichtet, indem z.B. eine Köchin angestellt war, die koscheres Essen zubereitete. Behandelt wurden sowohl Männer als auch Frauen, das Alter der Patienten reichte von Anfang 20 bis weit über 70 Jahre. Zu den behandelten Leiden zählten u.a. Melancholie, Tobsucht, Wahnsinn, Verrücktheit, Paralyse und Epilepsie. Aus einem Mitte der 1870er Jahre entstandenen Bericht einer städtischen Kommission unter Leitung des Bezirksarztes geht hervor, dass die Einrichtung als vorbildlich eingestuft wurde. Die 19 Patienten, 12 Männer und 7 Frauen, seien in bester Obhut und alle bis auf die unruhigsten Fälle hätten Zugang zu einem großen Garten. Dass die Anstalt einen guten Ruf genoss, zeigt sich auch daran, dass Patienten aus ganz Deutschland, teils sogar aus dem Ausland eingewiesen wurden, darunter aus München, Mannheim, Aachen und Wien.

Der Bericht der Kontrollkommission des Stadtmagistrats stellte der Anstalt Dr. Würzburgers in der Erlanger Straße ein gutes Zeugnis aus. U.a. wurden der große Garten und die gesunden und freundlichen Wohnlokalitäten gelobt.

Bericht über das Sanatorium in der Erlanger Straße
StadtABT, Nr. 13111 - Bl. 17

Der Erfolg der Einrichtung in der Erlanger Straße veranlasste Simon Würzburger zu Plänen für einen neuen Gebäudekomplex auf dem damals noch unbebauten Hügel an der Kulmbacher Straße. Die Anstalt wurde 1894 unter dem Namen Sanatorium Herzoghöhe eröffnet, Simon starb allerdings schon bald darauf am 25. September 1895. Die Leitung der neuen und deutlich größeren Einrichtung fiel nun Simons zweitältestem Sohn Dr. Albert Würzburger zu. Albert, am 13. November 1856 geboren, wurde schon früh darauf vorbereitet in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Von 1875 bis 1880 studierte er Medizin in Würzburg und erhielt am 8. April 1881 seine Approbation als Arzt. Ein Jahr später wurde er zum Assistenzarzt 2. Klasse und begann seine Arbeit in der Anstalt seines Vaters, damals noch in der Erlanger Straße 19.

Postkarte Herzoghöhe
StadtABT, NL Poehner, Postkarte Herzoghoehe

Diese Postkarte zeigt einige Gebäude des Sanatoriums Herzoghöhe. Die Patienten waren nach Geschlechtern und Krankheitsgrad auf mehrere Wohnhäuser verteilt, die als Krankenpavillons bezeichnet wurden.

Das Sanatorium Herzoghöhe umfasste im Jahr 1912 insgesamt 13 Gebäude, darunter 7 Krankenpavillons und 2 Villen für Patienten, die ihren Haushalt eigenständig führen wollten. Auch die Villen des leitenden Arztes und Oberarztes befanden sich auf dem Gelände. Das Sanatorium war weit mehr als nur eine simple Heilanstalt. Die Gebäude waren in einem weitläufigen Park verteilt und jeder Krankenpavillon verfügte über einen eigenen Garten. Für die damalige Zeit noch unüblich waren alle Häuser mit elektrischem Licht ausgestattet, manche auch mit Warmwasserheizungen. Die Einrichtung bot ihren Patienten eine breite Palette an Betätigungsmöglichkeiten, darunter Turnplatz, Kegelbahn, Tennisplatz und im Winter sogar eine Rodelbahn. Den Patienten war es auch möglich in den Obst- und Gemüsegärten oder in der hauseigenen Schreinerwerkstatt zu arbeiten. Insgesamt konnte die Einrichtung bis zu 100 Patienten aufnehmen.

Ein Blick auf die Rückseite des Mainschlosses. Zwischen den beiden Flügeln des Gebäudes befand sich der hier gut sichtbare Wintergarten. Von der Anhöhe aus hatten die Patienten eine schöne Aussicht auf die Stadt Bayreuth und das Festspielhaus.

Foto des Mainschlosses
StadtABT, PhV T 67b – Kurhaus Mainschloss, Außenansicht

Im Jahre 1907 eröffnete Dr. Albert Würzburger neben dem Sanatorium Herzoghöhe das Kurhaus Mainschloss. Wo das Sanatorium schon auf die höheren Gesellschaftsschichten ausgerichtet war, musste das Mainschloss als regelrecht luxuriös betrachtet werden. Im Haus hatten nur 24 gut betuchte Gäste Platz. Es bot modernste Behandlungsmöglichkeiten für Nervenleidende, darunter unterschiedliche Bäder und ein „Elektrisierzimmer“. Das Kurhaus diente aber nicht nur als Heilanstalt, sondern auch als Erholungsheim. Als solches beherbergte es u.a. ein Billardzimmer, einen Lesesaal und als besondere Attraktion einen großen Wintergarten. Im Gegensatz zur ehemaligen Anstalt in der Erlanger Straße, nahmen Herzoghöhe und Mainschloss auch nichtjüdische Patienten auf. Laut einer Übersicht über die Belegung der Anstalten vom Februar 1936 waren 42 von 100 Betten des Sanatoriums belegt, 23 davon durch Juden, 19 durch Nichtjuden. Unter den Patienten befanden sich außerdem vier Tschechoslowaken, zwei Amerikaner und ein Engländer. Im Mainschloss waren zur selben Zeit ein deutscher Nichtjude und zwei Juden aus der Schweiz untergebracht.

Dr. Albert Würzburger galt als hoch angesehener Bürger Bayreuths. Im Jahre 1899 wurde er sogar zum Mitglied des Stadtmagistrats und bekleidete diesen Posten bis 1919 für ganze zwanzig Jahre. 1911 wurde ihm der Titel Hofrat verliehen, 1926 wurde er zusätzlich mit dem Titel „geheimer Sanitätsrat“ geehrt. Drei seiner vier Kinder arbeiteten im Sanatorium mit: seine Töchter Emma und Anna (1887-1969 und 1893-1938) und sein Sohn Otto (1888-1957). Emma heiratete zudem den Oberarzt des Sanatoriums Dr. Bernhard Beyer, Otto studierte wie sein Vater Medizin. Nur Alberts Sohn Karl (1891-1978) schlug eine Karriere als Rundfunkjournalist und Schriftsteller ein. 1932 zog Dr. Albert Würzburger sich zurück und überließ Sanatorium und Kurhaus in der Obhut seiner Kinder.

Ein Blick in das Innere des Wintergartens des Mainschlosses inklusive Springbrunnen. Der Wintergarten stellte eine große Attraktion der Einrichtung dar und war für die Patienten ein Ort der Entspannung.

Foto des Wintergartens im Mainschloss
StadtABT, PhV T 97a KurhausMainschlossWintergarten

Wenig später, am 30. Januar 1933, erfolgte die Machtergreifung Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten. Der Betrieb der Einrichtungen der Familie Würzburger blieb von den neuen politischen Verhältnissen zunächst unberührt. Im Jahre 1936 aber sollten das Sanatorium Herzoghöhe und das Kurhaus Mainschloss in eine „deutsche Krankenanstalt“ umgewandelt werden. Die Leitung wurde der Familie entrissen und an den nationalsozialistischen Arzt Dr. KurtBach übergeben. Um eine Arisierung der Anstalten zu verhindern, wurden die Einrichtungen an den Schwiegersohn des mit Emma Würzburger verheirateten Oberarztes Dr. Beyer verkauft, den späteren bayerischen Landtagsabgeordneten und Finanzminister Konrad Pöhner. Dr. Albert Würzburger starb am 16. Juli 1938, seine Tochter Anna am 3. Dezember desselben Jahres. Alberts Söhne waren bereits 1936 emigriert, Otto nach Mexiko, Karl in die Schweiz.

Die Gebäude der Anstalten überdauerten die Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges und wurden 1956 von Konrad Pöhner an die Landesversicherungsanstalt (heute Deutsche Rentenversicherung) verkauft. Daraus hervorgegangen ist die heutige Rehaklinik Herzoghöhe, die sich mit gegenwärtig 210 stationären Betten der Onkologie, inneren Medizin, Orthopädie und Rheumatologie widmet.

  • Akte StadtABT, Nr. 13111 Entstehung des Sanatoriums; Anzeigen über Aufnahmen und Entlassungen.
  • Akte StadtABT, Nr. 20379 Paßangelegenheit Dr. Otto Würzburger.
  • Akte StadtABT, Nr. 20382 Anstellung des Dr. med. Würzburger.
  • Bartholomäus, Christine: Von Emanuel Osmund bis Hilde Marx. Biographische Skizzen zu ausgewählten jüdischen Persönlichkeiten aus Bayreuth, in: Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (Hg.): Jüdisches Bayreuth, Bayreuth 2010, S. 105–118.
  • Bresler, Johannes: Deutsche Heil- und Pflegeanstalten für Psychischkranke in Wort und Bild. II. Band, Halle a. S. 1912.
  • Habermann, Sylvia: Juden im Erwerbsleben. Kaufleute und Gewerbetreibende vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert, in: Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (Hg.): Jüdisches Bayreuth, Bayreuth 2010, S. 167–176.